
11.03.2026
5 min.
Liliane Moritz unterrichtet in der Einführungsklasse für Fremdsprachige (EfF). Die Lehrerin schafft einen Ort, an dem Kinder aus aller Welt Stabilität erfahren und Vertrauen fassen. Leider gehören aber auch belastende Situationen zum Alltag von Liliane Moritz.
Die VSG Region Sulgen ist seit der Eröffnung des Durchgangsheims «Rosengarten» in Kradolf mit grossen Aufgaben konfrontiert. Bis zu 80 geflüchtete Menschen wohnen dort. Viele Kinder bringen kaum Deutschkenntnisse mit, manche haben nie eine Schule besucht, andere haben traumatische Erfahrungen im Gepäck. Die Einführungsklasse für Fremdsprachige (EfF), untergebracht in der Sekundarschule Befang, ist deshalb zu einer Schlüsselmassnahme geworden. Vormittags erhalten die Kinder intensiven Deutschunterricht, nachmittags besuchen sie die Schule in der Regelklasse.
Doch die Belastung ist hoch. «Mit dem Schulbeginn letzten Sommer hatten wir plötzlich sechs neue Jugendliche», erinnert sich Schulpräsidentin Andrea Müller. Die EfF-Klasse war vorübergehend überbelegt. Die Zusammensetzung der Klasse ändert sich laufend, und nicht selten werden Kinder kurzfristig verlegt oder ausgeschafft. Für die Lehrpersonen bedeutet das: Präsenz zeigen, flexibel sein – und viel Herzblut mitbringen.
Lehrerin mit eigener Fluchtgeschichte
Für EfF-Lehrerin Liliane Moritz ist dieser anspruchsvolle Rahmen kein Hindernis, sondern Motivation. «Ich habe zuvor zehn Jahre mit geflüchteten Menschen gearbeitet. Dieses Thema begleitet mich schon mein Leben lang.» Ihre eigene Familiengeschichte hat sie geprägt: Ihr Vater musste selbst fliehen. «Ich möchte für die Kinder einen Ort schaffen, an dem sie ankommen, Stabilität erleben und sich sicher fühlen.» Wenn in der Klasse ein «internationales Buffet» entsteht und die Kinder stolz Speisen aus ihrer Heimat mitbringen, dann sei das für sie immer ein besonderer Moment.
Unterricht ohne gemeinsame Sprache
In der EfF ist Deutsch die Unterrichtssprache, auch wenn niemand sie zu Beginn beherrscht. «Wir arbeiten viel mit Gestik, Mimik und nonverbalen Mitteln», erzählt Liliane Moritz. Übersetzungsprogramme helfen punktuell, ohne den Fokus auf den Spracherwerb zu verlieren. Schülerinnen und Schüler ohne Schulerfahrung oder mit einer nicht lateinischen Muttersprache beginnen oft bei der Alphabetisierung. «Sie machen zwar schnell Fortschritte, brauchen aber trotzdem mehr Zeit.» Neue Kinder werden von der Gruppe getragen: «Unsere Klasse sieht sich wie eine kleine Familie. Alle helfen mit, Neuankömmlinge an die Hand zu nehmen», so Liliane Moritz. Oft fühle es sich nach wenigen Tagen an, «als wären wir schon immer zusammen gewesen».
Zwischen Abschied und Zuversicht
Kinder ohne definitiven Asylstatus zu unterrichten, ist aber zuweilen auch eine grosse Herausforderung. Besonders belastend sind Momente, in denen Kinder unerwartet weggebracht werden – manchmal sogar von der Polizei. Dann ist regulärer Unterricht kaum mehr möglich. «Die Kinder sind dann aufgewühlt, brauchen viel Ruhe und sorgfältig gewählte Worte.»
Trotzdem erlebt die Lehrerin ihren Beruf als sinnstiftend. «Ich kann die Schicksale der Kinder nicht ändern. Aber ich kann ihnen im Hier und Jetzt Zuversicht geben.» Wenn ein Kind lacht, lernt oder unbeschwert spielt, weiss sie: «Genau hier bin ich richtig.»
Rahel Müller
Ressort
Kommunikation